Glashaus - February 2004

Sarah Hall: Mystisches Licht

By Peter Coffman
 
 

Um einen Raum zu verändern gibt es nichts Größeres als die Glasmalerei. Der Versammlungsraum der kath. Gemeinschaft des Johannes vom Kreuz in Mississauga, Ontario, ist ein kreisrunder Raum von ca. 10 m Durchmesser

mit 10 rechteckigen Fenstern. Für die Glasmalerin Sarah Hall aus Toronto zusammen mit der Glasmalereiwerkstatt Peters aus Paderborn (D) war es eine Herausforderung, in diesem kühl-eleganten Raum den mystisch-kontemplativen Geist der Karmeliter zur Darstellung zu bringen.

Sarah Hall stellte sich der Herausforderung und schuf zehn glühende, lichtvolle Darstellungen der Visionen, wie sie der hl. Albert von Jerusalem beschrieb. Acht der Fenster beziehen sich auf wichtige Personen in der Geschichte des Karmel: Teresa von Avila, Simon Stock, Johannes vom Kreuz und Albert selbst. Weitere zwei sind der hl.

Elisabeth Seton und dem hl. Richard gewidmet und in der gleichen ästhetischen Auffassung verwirklicht. Man kann sich kaum ein passenderes Memorial vorstellen als den Orden der Karmeliten mit seinem kreativen und fantasievollen geistigen Leben.

Nach der Wahl eines Textes für die einzelnen Fenster entwarf Hall eine Serie aus geometrischen Farbfeldern als Grundlage für jedes Fenster. Diese geometrischen Muster erzählen jedes für sich eine Geschichte; jedes ist eine eigene Komposition, mit der die Künstlerin emotional und gestalterisch auf den gewählten Text reagiert. Dabei stützt sie sich auf die Bedingungen der Glasmalerei: Farbe, Licht, Helligkeit, Textur, Transparenz, Opazitat - all dies, aber keine Figuren. Auf die Farbfelder wurden dann Bilder aufgebracht, vier gegenständliche und sechs symbolische Darstellungen der Heiligen. Die Darstellungen sind sehr ausdrucksvoll, in skizzenhaft-lockerem Duktus ausgeführt und mehr an der Geistigkeit als am Portrat orientiert. Diese geistvoll-immateriellen Wesen lassen keine Zweifel daran, dass sie nicht von dieser Welt sind.

Derart lichtvolle Bilder zu erzeugen, erfordert naturgemäß sehr arbeitsintensive und komplizierte Techniken. Jedes Glas besteht aus zwei Schichten. Die erste verbindet gespritzte und gemalte Emaillefarben mit vierstufiger Sandstrahlung auf der Rückseite. Die zweite Schicht wurde gemalt und eingebrannt. ln drei Fenstern wurden Fotos

benutzt, zweimal für die Textur und einmal für ein Bild (hl. Elisabeth van Seton, welches eigentlich ihre Tochter Rebekka darstellt). Der Text in jedem Fenster wurde in die eingebrannte Folie geätzt.

Das Einbrennen und Sandstrahlen gibt den Fenstern eine einzigartige Ruhe, Leichtigkeit und Zartheit. lhre außergewöhnliche Ruhe, ihr kontemplativer Charakter wäre in traditioneller Glasmalerei kaum zu erzielen. Mit Bleiverglasungen geht eine unvermeidlich strukturale Qualität einher; alles schreit förmlich nach Konstruktion und Montage. Hier dagegen scheint all dies Oberwunden. Die Fenster leuchten gespenstisch, schweben im Raum. Es scheint, als hätten sie sich wie von allein gebildet, ohne jegliche Erdenschwere, wie sie die Bleilinien vermitteln. Bei der Glasmalereiwerkstatt Peters wurde man sofort dagegenhalten, dass nichts weniger wahr sein kann.

Aber die Vorstellung, es sei so, ist erfüllend und erhebend. Diese Fenster zu Johannes vom Kreuz beweisen ein Gefühl für die Tradition der Karmeliter, für technische Innovation und für künstlerische Virtuosität. Das Wichtigste aber ist: der mystische, ekstatische Geist van Johannes vom Kreuz lebt, atmet und spricht zu uns durch sie; die Liebe der hl. Theresa van Avila ergreift und umfasst uns. Wir verdanken es der Künstlerin, dam Licht, der Farbe und den Worten, dass acht Jahrhunderte karmelitischer Spiritualität sich in einem schlichten weißen Kreis verdichten.


Del Autor ist Kunsthistoriker und Fotograf am Queens University in Kingston, Ontario, Canada. Fotos: Peter Coffman .


Der Originalbeitrag erschien in: The Stained Glass Quarterly, 4/03,282-285 und enthalt eine längere Passage über die Mystik des Mittelalters (Anm. d. Red.).